Gedankenberge

Und du stehst vor diesem Berg und willst ihn mit einem Satz erklimmen, doch die Zweifel rinnen bereits durch das Flussbett deiner Gedanken und bevor du beginnen kannst nur den ersten Fußschritt zu setzen hat dich all deine Kraft verlassen und dein Mut macht sich unverdrossen von dannen.

Und du stehst da und schaut auf diesen Berg, der vor Sekunden noch deutlich kleiner zu sein schien und deren Spitze auf einmal zwischen Nebelschwaden steckt, obwohl er sich doch in deiner Erinnerung der Sonne entgegenreckt.

Dein Rucksack, einst vollgepackt mit besten Vorsätzen und geballter Power, scheint beim genaueren hinschauen aus Wackersteinen zu bestehen, die deinem Rücken schon vor dem Anstieg Schmerzen bereiten und du lässt den Rucksack lieber am Wegesrand stehen, doch das Gehen wird dadurch nicht leichter.

Du fühlst dich zu nichts anderem im Stande als einfach dort zu sein und den Berg hinaufzusehen, während starke Winde durch die Baumwipfel am Wegesrand wehn und dein Geist will mit aller Macht nach oben, denn oben – ja, dort oben wartet dein Ziel – und in diesem einen Ziel steckt so viel Hoffnung und Lebensglück, doch deine Füße hält es zurück, wie im Betonklotz gefangen, gefesselt mit Bangen und Furcht vor der steinigen Reise stehst du nun da und schaust diesen Berg an, weil du einfach nicht mehr kannst und du denkst irgendwann werde ich dort hoch gehen.

Irgendwann wird mich etwas hochschieben oder hochziehen oder ich werde fliehen vor dem was mich hier unten am Fuße des Berges umzingelt, doch egal wie, Hauptsache ich komme nach oben.

Obwohl ich dort oben nur merken werden, dass ich durch all die Nebelschwaden hindurch eh nichts sehen kann – eine Überzeugung, die mich erkennen lässt, dass ich mir diese ganze Kletterei auch sparen kann, bis sich der Gipfel wieder der Sonne entgegenreckt – irgendwann.

© Christina Rehr

Gedankenberge – Christina Rehr (pdf)