Ich bin klein

Ich bin klein – na und?
Dafür gibt’s keinen Grund.
Na doch, vielleicht einen.
Einen kleinen.
Die Gene sind’s gewesen.
Hab ich mal gelesen.
Sonst könnt ich größer sein
und nicht so klein.
Doch wen soll‘s schon stören,
schließlich kann ich hören (wenn auch schlecht)
Und sehen und lachen und schlafen und weinen –
Ja, das kann man nämlich auch mit kurzen Beinen.

Es gibt jedoch Hürden, die mir im Wege stehen
und ich muss lernen, sie geschickt zu umgehen.
Beim Einkaufen zum Beispiel ist es nicht leicht,
wenn man das hohe Regal nicht erreicht.
Und sind die Produkte ganz vorne schon weg,
hat auf die Spitzen stellen auch keinen Zweck.
Da hilft nur Fragen oder Klettern,
mal kurz gegen hohe Regale wettern,
dann such ich ’nen netten großen Mann,
der mir bestimmt kurz helfen kann.
Doch bei der Eisdiele nebenan
komm ich auch nicht an die Theke ran –
das kotzt mich ganz schön an.

Doch das sind eher die nervigen Sachen,
manche Situation bringt mich eher zum Lachen.
Ein wirklich großes Phänomen
tritt nämlich auf, wenn Menschen meine Hände sehn.
Dann hört man einen entzückten Schrei –
„Och´, guck, wie süß und eititei!
Guck diese Finger winzig klein“ –
dazu fällt mir echt nichts weiter mehr ein.
Es gibt viele Menschen, die mir die Hände reichen,
nur um ihre mit meinen zu vergleichen.
Und neben jeder Hand – wie soll es sein –
wirkt meine Hand ganz klitzeklein.
Meine Begeisterung hält sich im Zaum,
sehr aufregend ist das Ganze nun kaum.
Es gibt doch echt Spannenderes im Leben –
aber so sind die Menschen eben.

Doch ich will nicht nur über Hände erzählen,
es gibt andere Sachen, die mich quälen.
Denn noch schlimmer als kleine Hände und Füße,
ist der Satz „Oh, was für ´ne Süße.“
„Oh, wie niedlich, bist du aber klein.“
Sei still du…nerviger Mensch.
Ich mein, da lernst du jemand kennen,
willst ihm grad deinen Namen nennen,
da guckt der bloß und sagt ganz frei –
wie klein ich sei.
Ach – vielen Dank für die Information,
ich glaube, das wusste ich schon.
Dann ist es auch nicht wirklich schön
ständig Nasenlöcher von unten zu sehn.
Und soll ich euch sagen, dass ihr nicht wisst,
wie ätzend die Luft hier unten ist.
Zwischen Achselhöhlen und Brüsten?
Ach, wenn die Menschen doch wüssten,
wie man sich manchmal hier unten fühlt,
wenn man sich durch die Massen wühlt.

Und weißt du was, Mann,
was ich echt nicht leiden kann?
Wenn ich mich durch die Disko zwänge,
mich zwischen Bäuche und Rücken klemme,
und dann schaut jemand auf mich runter,
noch bin ich fröhlich und recht munter
und dann seh ich sie schon, seh sie voll Schrecken.
Diese Hand – sie kommt auf mich zu,
streicht mir über den Kopf und es sagt:
„Oh, bist du klein.“
Ne, das muss echt nicht sein.
Doch ich bleib ganz cool und locker,
schnapp mir meinen Tritthocker,
um mich etwas zu erheben,
manchmal muss man das im Leben,
kann dennoch so gerade über die Theke schauen,
ich versuch mich noch etwas aufzubauen,
recke und streck mich und sage laut: „Ein Bier bitte!“
Und da ist es wieder dieses Fragezeichen
und dieser fragende Blick, der wird auch nicht weichen,
bis ich mich noch ein bisschen mehr recke,
den Arm in Richtung Decke strecke
und schreie: „Hallo, ich bin hier,
gib mir ein Bier!“

Geschafft.

Nee, denn bist du klein,
wird das hier erst nur der Anfang sein.
Ich streck den Geldschein Richtung Bar,
bekomme Rückgeld – wunderbar.
Irgendwo da oben muss es liegen,
ach, könnt ich doch fliegen.
Ich nehm das Bier und dreh mich um,
wie dumm…
und wieder nur Bäuche und Rücken.
Es heißt zwar, ein Rücken kann entzücken,
aber davor würd ich mich lieber drücken.

Auf geht’s zu den Freunden in Richtung Tresen,
ein anderer Platz wäre besser gewesen,
denn dort stehen diese verhassten Teile,
wegen deren Anblick ich jetzt schon leide.
Ach, bleib doch mal locker,
das ist nur ein Barhocker.
Doch das Teil ist echt hoch –
Ach, hätt ich doch
meinen Sprungstab mit dabei,
dann wär die Höhe für mich einerlei.
Vielleicht sollt ich aus dem Stand heraus springen.
Ich muss nur kurz mit mir ringen,
aber nee, das ist mir echt zu dumm,
da steh ich lieber rum.

Ach, und statt hier herumzustehen,
werd ich mal Richtung Tanzfläche gehen.
Aber zwischen vielen Menschen, die Party machen,
hat man als kleiner Mensch nicht viel zu lachen.
Denn es wird schmerzhaft und recht nass,
und ich verspüre etwas Hass,
wenn sich mal wieder eine weiße,
qualmende und glühend heiße,
Kippe in meine Schulter drückt,
dann bin ich nicht entzückt.
Und dieser Typ da nebenan,
will zeigen, dass er tanzen kann,
mit vollem Bierglas in der Hand
Mm, schönen Dank auch,
nun bin ich ganz nass –
was für ein Spaß.

Ich glaube, für heute ist´s das gewesen.
Ich geh jetzt nach Hause – ein bisschen lesen.

(c) Christina Rehr

Ich bin klein – Christina Rehr (pdf)