Reisende (Jan ’15)

Reisen sind Experimente des Seins. Der Schein einer anderen Welt nimmt uns ein und erfüllt uns mit all seinen Momenten. Es ist das Unbekannte, das uns reizt. Der Reiz der fremden Welt nimmt uns gefangen, weckt Verlangen nach weiteren Zeichen des Nichtbekannten und soll uns erfüllen mit klangvollen Symphonien weltweiter Melodien, soll unser Gehirn mit Lebensweisheiten stopfen und den letzten Staub des Alltags aus unseren Kleidern klopfen. Reisen sind Gegebenheiten, die uns die weiten, fremden Zeiten etwas näher bringen, während wir noch manchmal mit dem Abschied der vertrauten Umgebung ringen.

Reisen stecken voller Sehnsüchte und Inspirationen. Wir wollen schmecken, ertasten und spüren, wir rühren in fremden Speisen, sehen nie entdeckte Farben und laben an der Echtheit des Augenblicks.

Wir wollen Wunder erblicken und vor Ehrfurcht erstarren, wollen verharren und einsaugen, was der Moment uns schenkt. Wir lenken uns auf holprige Bahnen durch verwegene Landschaften, wir verkraften mehr als uns der Alltag je verschafft hat und haben Kraft und Mut, um dem zu trotzen, was uns platt macht. Wir tauchen in Situationen ein, die daheim völlig undenkbar wären, während der Schein des Abenteuers uns gefangen nimmt und gemeinsam mit uns die höchsten Gipfel erklimmt.

Wir lassen Sprachen in unsere Ohren einreisen, lassen unser Herz erfüllen mit den Momenten der Reisen, lassen die Augen glänzen, indem wir Schönheiten erblicken und wir begeben uns an Orte, die unsere Nasen beglücken – oder auch nicht. Wir riechen Gestank und sehen Armut und Schein, wir geben dem Wort Reinheit eine andere Bedeutung und fädeln Stahlfäden in unsere Nervenbahnen ein. Wir geben uns hin – den Gegebenheiten und entdecken einen weiten Horizont, der sich uns nur erstreckt, wenn wir den Vorhang der vertrauten Gedanken wegstreichen.

Wir treffen Menschen, die uns Geschichten erzählen, während wir zwischen historischen Stätten der Welt wählen und in die Tiefen der vergangenen Zeiten eintauchen. Wir treffen Menschen, die unseren Geschichten lauschen, während wir Erfahrungen und Gefühle austauschen, wir lassen uns prägen und im Herzen berühren und führen Gespräche, die unsere Lebenslust schüren.

Wir sind Weltenbummler, die den Kopf oben tragen und ihre Fragen in die Welt hinausschreien. Wir wollen Antworten auf verwirrende Fragezeichen, wollen, dass Alltag und Heimat für Abenteuer weichen. Wir wollen es neu und somit unbekannt, wir wollen uns Hand in Hand mit den Menschen der Länder vereinen und mit reinen Erlebnissen wieder nach Hause reisen.

Wir sind die Welt, und die Welt ist in uns und macht sich dort breit und breiter, während der Blickwinkel weiter und die Hürde immer kleiner wird, so dass uns die Neugier an unendlich viele Glücksburgen führt und uns Tore öffnet zu verwegenen Pfaden. Wir baden in Tümpeln, deren Schönheit wir nur erahnen und ignorieren Schilder, die uns vor Gefahren warnen. Wir sehen Naturwunder und tauchen in Aussichten ein, sehen Dörfer so unscheinbar und klein, während wir die reinen weißen Wolken über uns fast berühren können, und sie uns noch eine Brise mehr Entspannung gönnen.

WIR wollen die Welt entdecken, uns den höchsten Bauten entgegenrecken, uns in Höhlen ducken und in Meeren schwimmen, wollen Bräuche entdecken und Berge erklimmen, wollen Natur begegnen und Sonne erhaschen und weiterreisen mit von Glücksmomenten gefüllten Taschen.

DU bist einer von diesen Weltentdeckern, die mit Batidos der süßesten Früchte rumkleckern, die ihr Herz auch für neue Menschen aufmachen und Lachen und Erfahrungen weitergeben, damit auch andere die Schönheit der Reisen erleben.

Wir sind ein Teil dieser großen Welt und was uns gefällt oder nicht, können wir von Tag zu Tag mehr vertreten, da wir die kleinsten Pfade dieser Welt mit den eigenen Füßen betreten. Wir leben im Jetzt und zehren vom Dasein, und wenn das Glück noch so klein und das Elend so wahr ist, dann bleiben wir stehen und atmen tief ein, geben dem Sein einen kurzen Augenblick, um dann wieder auf den Weg der Reise zu gleiten und weiterzugehen in die endlosen Weiten.

Und wenn wir zurückkehren, sind wir ein Stücken reifer. Wir sind voller Eindrücke und fühlen uns bereiter für das Leben mit allen Facetten, leben intensiv weiter und spüren die Freiheit in uns beben. Wir geben das Gefühl in uns an die Welt weiter und schmücken unsere Lebensleiter mit den bunten Blüten der fernen Länder, schauen neugierig über Tellerränder.

Wir strotzen vor Kraft und fühlen Dankbarkeit, wir sind bereit für den nächsten Abschnitt der Reise, indem wir bereits zügig unsere Pfade anlegen und uns in der Geschwindigkeit des Alltags bewegen. Wo der Weg hinführt, entscheiden wir ganz alleine, an jedem Morgen, an dem die Sonne den Horizont erhellt, denn wir sind Reisende auf den Pfaden der Welt.

(c) Christina Rehr; Costa Rica, Januar 2015

Reisende – Christina Rehr (pdf)